Von der Flugangst zur Flugsucht

Eine Liebeserklärung an den Breezer

Wenn Du das Fliegen einmal erlebt hast,
wirst Du für immer auf Erden wandeln,
mit Deinen Augen himmelwärts gerichtet.
Denn dort bist Du gewesen
und dort wird es Dich immer wieder hinziehen.

Leonardo da Vinci

Mit einem Wasser in der Hand sitze ich auf der Terrasse der Flugschule und versuche vergeblich, diesen tollen Typen zu
ignorieren, der sich da in der Sonne präsentiert. Es gelingt mir nicht. Immer wieder muss ich zu Dir hinübersehen. Deine schlanke Gestalt, Deine lange Nase – ich kann den Blick nicht von Dir wenden, denn Du bist hinreißend. Schnittig, schnell und angsteinflößend, aber sexy bis ins Fahrwerk.

Für manche bist Du nur ein Stück Aluminiumblech, ein Tiefdecker, der Menschen von A nach B bringt. Für mich bist Du viel mehr – ein nicht in Worte zu fassendes Abenteuer, das es bei jeder Flugstunde neu zu bestehen gilt.

Schon das Einsteigen erfordert eine Koordination wie beim Eistanz. Rollen, Funken, Instrumente checken, das Gefummel mit den Gurten und die beruhigende Vorstellung: Ich kann ja immer noch aussteigen. Denn ich leide an Flugangst.
Dummerweise auch an Flugsucht. Das ist ungefähr so, wie wenn man kein Koffein verträgt, aber immer zweimal auf die Espresso-Taste drückt.

Langsam folgen wir der Linie, ziehen an Tankstelle und Hangars vorbei. Am Rollhalt lässt Du deine tiefe Stimme ertönen, während ich die Drehzahl auf 4000 steigere. Wie ein wütender Hund reißt Du an Deinen Ketten, willst auf die Bahn. Noch könnte ich flüchten, quer über den Rasen, weg vom Platz, hinein in die Welt der sicheren Busse, die mal eben rechts ranfahren können.
Doch dann geht alles ganz schnell. Viel zu schnell schnell schnell SCHNELL! Reißt Dich fauchend los vom Boden, während Dein Schatten unter uns immer kleiner wird. Die engen Gurte pressen mich in den Sitz. Und FLIEGEN ist STEIGEN und STEIGEN ist SONNE und SONNE ist LEBEN und LEBEN ist FLIEGEN.

Es ist großartig. Es ist erhebend. Ein Verschmelzen von Mensch und Maschine, als sei Dein Rumpf ein Teil von mir.
Du reagierst auf kleinste Zeichen, trägst mich, führst mich, begeisterst mich. Wir sind eins auf dem Weg zum Himmel - bis zum nächsten Gewerbegebiet.

Dann zeigst Du plötzlich, dass Dir meine Lenkversuche herzlich egal sind. Diese langgestreckten Quader, die warme Luft von unten raufschicken, dazwischen das kühle Grün, das macht Dich nervös. Schlingern und Schaukeln, Hüpfen und Absacken. Bist bockig wie ein Vierjähriger, dem ein Eis verweigert wird. Panik macht sich breit auf dem Pilotensitz. Gebt mir Gespenster, gebt mir Spinnen, aber lasst mich nicht allein mit diesem Ungetüm!

Doch da ist die Hand des Fluglehrers, warm und lebendig, ruhig und vertrauenseinflößend. Keine Spritze, keine Pille und kein Gebet war jemals beruhigender als Jans Hand über dem Industriegebiet. Ein Anker mit fünf Fingern, eine Erdung in 600 Metern Höhe, vertraut wie ein Schnuller und weich wie ein Teddy. Denn es hilft nur für Sekunden, sich vorzustellen, man würde grad in einem Regionalzug durchgeschüttelt, einem schweren Metallmonster, das durch seine Räder Kontakt mit fest verschraubten Schienen hat. Diesen Betrug durchschaut das Gehirn sofort.

Das Großhirn ruft „Flugstunde, Panik!“ und die Basalganglien, diese trägen Gewohnheitstiere, rebellieren sofort mit. „Wir haben doch gesagt, dass sie lieber Straßenbahn fahren soll! Einsteigen, entwerten, hinsetzen. Das kennen wir wenigstens. Immer diese neumodischen Sachen hier.“ Und dann, mitten im Chaos, grad, wenn man den Breezer zur sofortigen Landung ohne Einhaltung irgendeiner Platzrunde drängen möchte, schmiegt sich dieser Handteller an Deine zitternde Faust. Sofort entspannt sich alles. Du sitzt aufrecht, hältst die Horizontlinie und wolltest nie etwas anderes als Ultraleichtfliegen.

 

Später stehen wir auf der Terrasse der Flugschule ums Lagerfeuer herum. Ein warmer, flackernder Schein erhellt die Gesichter. Funken sprühen, alles weicht zurück, um gleich wieder die Wärme zu suchen. Im Halbdunkel liegt das Gittertor, das ich schon so oft durchschritten habe auf der Suche nach dem Kick in der Luft. Tiefe Schwärze dahinter. Peter hat die Landebahnbeleuchtung angemacht. Lauter kleine blaue Sterne glitzern in der Nacht. Dahinter zeichnet sich schwach die Silhouette des Nachbarstadtteils ab. Ruhe und Kraft verströmt dieser Ort. Wenn ich die Augen leicht schließe, verschwimmen die Sterne zu einer einzigen Bahn aus blauem Licht.
Bald, flüstert es, bald wieder.

von Carola Schark